Vor über 45 Jahren habe ich mein erstes Glas Aldinger getrunken. Es war auf dem Fellbacher Herbst. Ich stand zwischen Bierbänken und Blasmusik und hielt einen Rotwein in der Hand. Mein Urteil damals über den Aldinger Rotwein: so lala. Nicht schlecht. Aber auch nichts Besonderes.
Heute weiss ich woran das lag. Nicht am Wein. Mein Gaumen hatte zu dieser Zeit ungefähr das Auflösungsvermögen einer Türklingel. Ich konnte Süss von Sauer unterscheiden. Das war es dann auch schon. Von Struktur und Länge und Balance hatte ich keine Ahnung. Ich hätte einen grossen Burgunder nicht von einem Supermarktwein unterschieden. Und der Fellbacher Herbst ist auch nicht der Ort für feine Analyse. Da wird geschunkelt und nicht geschwenkt.
Fast ein halbes Jahrhundert später sitze ich mit einer Flasche vom selben Weingut auf der Terrasse. Diesmal kein Rotwein. Diesmal ein Sekt. Der Aldinger No. 532 Rosé Winzersekt für 23,50 Euro. Und diesmal habe ich ein bisschen mehr Übung. Ich sage es gleich vorweg. Es ist eine Wiedergutmachung geworden. Für den Wein und für mich. Warum diese Flasche viele deutlich teurere Champagner ziemlich alt aussehen lässt liest du in den nächsten Minuten. Mehr Schaumwein findest du übrigens in meiner Kategorie Sekt und Schaumwein.

Inhaltsverzeichnis
- Das Weingut Aldinger
- Die Ernte 532 und der Ausbau
- Sensorische Analyse
- Sommelier Tipps
- Food Pairing
- Fazit und Bewertung
- Weiterführende Links
Das Weingut Aldinger
Aldinger ist das älteste Weingut in Fellbach. Der Grundstein wurde 1492 gelegt. Im selben Jahr war Kolumbus mit anderen Dingen beschäftigt. 532 ist das Erntejahr seit bestehen des Weingutes! Sie ersetzt dort den Jahrgang.
Zum Weingut im heutigen Sinn wurde der Betrieb 1955. Damals baute Gerhard Aldinger die Küferei seines Schwiegervaters um. Der Kauf von Rebflächen im Untertürkheimer Gips machte das Gut ab 1973 endgültig zu einem Namen in der Region. 1992 übernahm Gert Aldinger. Er reduzierte die Erträge und holte internationale Rebsorten ins Sortiment. Heute stehen die Söhne Matthias und Hansjörg mit im Betrieb.
Philosophie und Handschrift des Weinguts
Aldinger gehört zum VDP. Das Weingut ist ausserdem Mitglied im Verband traditioneller Sektmacher. Beides sind keine Werbeaufkleber sondern Verpflichtungen. Viele Weine tragen inzwischen das Bio Zeichen. Die Handschrift im Glas ist ziemlich konstant. Wenig Schminke. Klare Frucht. Trockener Ausbau. Kein Wein aus diesem Haus versucht dir zu gefallen indem er dir Restzucker unterschiebt. Das gilt für den einfachen Trollinger genauso wie für die grossen Lagen. Der Vinum Weinguide hat Aldinger 2020 zum Winzer des Jahres gekürt.
Beim Sekt geht das Haus einen eigenen Weg. Die Nummer auf dem Etikett ist keine Seriennummer und kein Jahrgang. Sie zählt die Weinernten der Familie. Die 532 steht also für die 532. Ernte. Das ist eine schöne Idee. Und ehrlicher als so mancher Fantasiename.
Region Lage und Terroir
Fellbach liegt östlich von Stuttgart am Rand des Remstals. Ich wohne ein paar Kilometer weiter östlich. Die bekannteste Lage ist der Lämmler. Dazu kommt die Monopollage Untertürkheimer Gips.
Der Boden ist der Punkt. Hier liegt Gipskeuper und bunter Mergel. Beides ist kalkhaltig. Kalk und Schaumwein sind alte Freunde. Das erklärt die knackige Säure in diesem Sekt und diese leicht salzige Spannung im Hintergrund. Wer glaubt Württemberg könne nur Trollinger für die Vesperplatte der findet hier den Gegenbeweis im Glas.
Die Ernte 532 und der Ausbau
Der Sekt trägt keinen Jahrgang. Er ist eine Cuvée aus vier Sorten. Pinot Noir und Pinot Blanc und Chardonnay und Pinot Meunier. Das ist exakt die Sortenaufstellung die man aus der Champagne kennt. Nur eben aus Fellbach.
Alle Trauben stammen aus eigenen Anlagen. Der Grundwein reift im Edelstahl. Kein Barrique. Das ist eine bewusste Entscheidung. Der grosse Brut Nature aus dem Haus geht ins Holz. Dieser hier bleibt bei purer Frucht und klarer Linie.
Danach kommt die traditionelle Flaschengärung. Fünfzehn Monate liegt der Sekt auf der Hefe. Das ist deutlich mehr als das gesetzliche Minimum. Genau daher kommt die Briochenote in der Nase. Am Ende verzichtet das Weingut auf die Dosage. Es wird also kein Zucker nachgeschoben. Zwei Gramm Restzucker sind das was die Natur übrig gelassen hat. Dem stehen acht Gramm Säure gegenüber. Auf dem Papier klingt das nach Zitronenpresse. Im Glas ist es Balance.
Technische Daten
| Technische Daten | Wert |
|---|---|
| Bewertung | Vinum 93 Punkte. Falstaff 93+ Punkte. James Suckling 93 Punkte. Henris 92 Punkte. Meininger 91 Punkte. Die Urkunden des Weinguts beziehen sich teils auf die Vorgänger No. 530 und No. 531 |
| Weinart | Rosé Winzersekt. Flaschengärung. Ohne Dosage |
| Weingut | Weingut Aldinger |
| Herkunftsland | Deutschland |
| Region | Württemberg. Fellbach |
| Rebsorten | Pinot Noir. Pinot Blanc. Chardonnay. Pinot Meunier |
| Geschmack | Trocken. Brut |
| Jahrgang | Ohne Jahrgang. |
| Hefelager | 15 Monate traditionelle Flaschengärung |
| Restzucker und Säure | 2 g/l und 8 g/l |
| Trinktemperatur | 6 bis 8 Grad |
| Trinkreife | Laut Weingut bis zu 5 Jahre lagerfähig |
| Alkoholgehalt | 11,5 Vol Prozent laut Weingut |
| Preis | 23,50 Euro ab Hof für 0,75 Liter |
Sensorische Analyse
Farbe und Optik im Glas
Ich halte das Glas gegen das Fenster. Die Farbe ist ein helles Lachsrosa. Kein Rosa aus dem Malkasten. Eher der Ton den ein Wildlachs hat wenn man ihn dünn aufschneidet.
Dann schaue ich auf die Perlage. Und die ist der erste Aha Moment. Die Bläschen sind winzig. Sie steigen in dünnen Schnüren nach oben und hören einfach nicht auf. Kein grobes Sprudeln wie bei billigem Sekt aus dem Supermarkt. Das ist feines Nadelspiel. Genau das bekommt man von einer echten Flaschengärung und von fünfzehn Monaten Geduld.
Aroma und Bouquet in der Nase
Ich schwenke kurz und stecke die Nase ins Glas. Der erste Eindruck ist pure Frische. Es riecht kühl. Fast wie kalter Stein nach einem Regenschauer. Dahinter kommt die Frucht. Helle Zitrusnoten. Ein Hauch roter Beeren. Und dann diese Note die ich bei gutem Sekt immer suche. Brioche. Frisch gebackenes Hefegebäck mit Butter. Das ist die Handschrift der langen Hefelagerung. Man muss nicht daran schnüffeln wie ein Trüffelschwein. Die Note ist da und sie ist deutlich. Was auffällt ist die Ruhe im Duft. Nichts drängelt. Der Sekt schreit dich nicht an. Er stellt sich kurz vor.
Geschmack und Textur am Gaumen
Der erste Schluck ist ein kleiner Angriff. Im besten Sinn. Es prickelt sofort. Dann kommt die Frucht und die kommt nicht allein. Vorne steht Mandarine. Klar und saftig. Direkt daneben Orange und Apfelsine. Dann schiebt sich Erdbeere dazwischen. Nicht die Marmeladenerdbeere sondern die kleine feste vom Feld. Zum Schluss kommt Apfel. Frisch und knackig.
Das Erstaunliche ist wie geordnet dieses Fruchtspiel abläuft. Fünf Aromen und trotzdem kein Durcheinander. Jedes hat seinen Platz. Der Wein ist komplex ohne anstrengend zu sein. Die Textur ist schlank. Die Kohlensäure ist fein eingebunden und sticht nicht. Die Säure trägt alles und wirkt nie hart. Und weil keine Dosage im Spiel ist bleibt der Eindruck knochentrocken. Genau so mag ich Sekt. Wer die Süsse braucht ist hier falsch.
Der Abgang
Ich schlucke und warte. Und dann warte ich noch ein bisschen länger. Der Abgang ist richtig lang. Zuerst bleibt Mandarine stehen. Dann kommt Orangenzeste dazu. Also nicht der Saft sondern die Schale mit ihrer feinen Bitternote. Ganz zum Schluss taucht eine dezente Grapefruit auf und legt eine leichte Herbe auf die Zunge. Diese Bitternote am Ende ist kein Fehler. Sie ist der Grund warum man sofort den nächsten Schluck will. Der Wein macht Durst auf sich selbst. Bei einer 0,75 Liter Flasche ist das eine gefährliche Eigenschaft.
Sommelier Tipps
Die Trinktemperatur liegt bei 6 bis 8 Grad. Nicht kälter. Ich habe den Fehler früher oft gemacht und Sekt eiskalt serviert. Dann ist die Frucht weg und es bleibt nur Kälte und Kohlensäure. Zwanzig Minuten im Kühlschrank sind besser als zwanzig Minuten im Eisfach.
Vergiss die Sektflöte. Dieser Sekt hat zu viel zu erzählen für so ein schmales Rohr. Nimm ein normales Weissweinglas. Die Perlage bleibt trotzdem erhalten und die Nase bekommt endlich Platz.
Zur Lagerung. Das Weingut nennt eine Lagerfähigkeit von bis zu fünf Jahren. Meine Empfehlung ist trotzdem ihn jung zu trinken. Diese kristallklare Frucht ist sein Kapital. Wer eine Flasche zwei Jahre liegen lässt bekommt etwas mehr Brotigkeit und etwas weniger Spritzigkeit. Beides ist schön. Ich nehme die Frische.
Und noch ein Tipp aus der Praxis. Mit einem guten Sektverschluss hält die angebrochene Flasche einen Tag im Kühlschrank durch. Der Löffel im Flaschenhals ist ein Märchen.
Food Pairing
Gebratener Zander mit Butter. Die feine Säure schneidet durch die Butter. Der helle Fisch bleibt trotzdem im Vordergrund. Ein Klassiker der immer funktioniert.
Flammkuchen. Speck und Zwiebel und Sahne treffen auf Perlage. Die Kohlensäure putzt den Gaumen nach jedem Bissen sauber. Und es passt zur Terrasse.
Sushi und Sashimi. Der Sekt hat kein Holz und keine Süsse. Damit stört er den rohen Fisch überhaupt nicht. Die Zitrusnoten machen den Job der Zitrone gleich mit.
Ziegenfrischkäse mit Kräutern. Das ist die Käseempfehlung. Die Säure im Käse und die Säure im Glas heben sich gegenseitig auf. Übrig bleibt Cremigkeit und Frucht. Wer will legt noch eine Handvoll Erdbeeren dazu.
Fazit und Bewertung
Der Aldinger No. 532 Rosé Winzersekt ist ein sehr präziser Schaumwein. Er zeigt eine feine Perlage und ein klares komplexes Fruchtspiel aus Mandarine und Orange und Erdbeere. Der Verzicht auf Dosage macht ihn knochentrocken. Die lange Hefelagerung gibt ihm die Brioche und den Tiefgang. Der Abgang ist überdurchschnittlich lang.
Mein Urteil Trinkfenster: 2026 bis 2030 Herausragend. Ein Winzersekt mit eigenem Charakter und ohne jede Anbiederung. Die Struktur steht auf einer knackigen Säure und einer feinen Perlage und trägt einen Abgang der länger bleibt als bei vielen Flaschen zum doppelten Preis. Kaufempfehlung ohne Einschränkung.
Zum Preis. 23,50 Euro sind kein Taschengeld. Aber stell diese Flasche neben einen Champagner für 45 Euro aus dem Supermarktregal. Dann wird es interessant. In dieser Preisklasse geht der Sekt aus Fellbach nicht unter. Er gewinnt. Wer regelmässig Champagner der Grosshäuser trinkt sollte diesen Vergleich einmal blind machen. Das Ergebnis könnte weh tun.
Bleibt noch der Bogen zum Anfang. Vor 45 Jahren fand ich den Aldinger auf dem Fellbacher Herbst so lala. Das war kein Urteil über das Weingut. Das war ein Urteil über meinen damaligen Gaumen. Heute hole ich diesen Sekt gleich kistenweise. Manche Dinge brauchen einfach ein halbes Jahrhundert Anlauf.





