Beutelsbach Lemberger 2022 vom Weingut Schnaitmann

Ich bin im Fellbacher Ortsteil Schmiden zur Schule gegangen. Für uns Schmidener Kinder waren die Fellbacher immer die reichen Weinbauern. Die hatten den Kappelberg. Die hatten den Lämmler. Die hatten Reben am Hang und wir hatten nur Spargel und Erdbeerfelder. So einfach war die Welt damals in unseren Köpfen. Ich habe das nie nachgerechnet. Ein Kind braucht für ein gutes Vorurteil auch keine Statistik.

Heute sitze ich hier und trinke den Wein eines Fellbacher Weinbauern. Freiwillig. Und mit großem Vergnügen. Die Fellbacher Weinguter Aldinger, Schnaitmann und Heid machen inzwischen Wein auf einem Niveau das früher niemand für möglich gehalten hätte. Aus dem Schulhof Vorurteil ist eine Einkaufsliste geworden. So ändern sich die Zeiten.

Heute im Glas steht der Beutelsbach Lemberger 2022 vom Weingut Schnaitmann. Und jetzt wird es kurz kompliziert. Das Weingut sitzt in Fellbach. Die Trauben für diesen Wein wachsen in Beutelsbach. Das gehört zu Weinstadt und liegt ein paar Kilometer weiter das Remstal hinauf. Der Wein ist also ein Fellbacher mit Remstäler Wurzeln. Oder ein Beutelsbacher mit Fellbacher Erziehung. Such es dir aus.

Beutelsbach Lemberger 2022 vom Weingut Schnaitmann
Beutelsbach Lemberger 2022 vom Weingut Schnaitmann

Ich habe von Schnaitmann schon eine ganze Reihe Jahrgänge im Glas gehabt. Meine bisherigen Notizen findest du in der Kategorie Rotwein. Dieser Lemberger war trotzdem neu für mich. Und er hat mich überrascht.

Inhaltsverzeichnis

  1. Das Weingut Schnaitmann
  2. Jahrgang 2022 und Ausbau
  3. Sensorische Analyse
  4. Sommelier Tipps
  5. Food Pairing
  6. Fazit und Bewertung
  7. Weiterführende Links

Das Weingut Schnaitmann

Philosophie und Handschrift

Das Weingut Rainer Schnaitmann liegt in der Untertürkheimer Straße in Fellbach. Gegründet wurde es in den 1990er Jahren. Rainer Schnaitmann gilt heute als einer der Wegbereiter des modernen Württemberger Weins. Das war damals keine Selbstverständlichkeit. Württemberg stand lange für blassen Trollinger und für Viertele im Besen.

Der Betrieb arbeitet biologisch zertifiziert. Er ist Mitglied im VDP und im Verband Respekt Biodyn. Diese drei Siegel stehen zusammen auf jeder Flasche. Das ist kein Marketing Schmuck. Das bedeutet Arbeit im Weinberg und Verzicht im Keller.

Die Handschrift erkennt man ziemlich schnell. Die Weine sind kühl und schlank gebaut. Sie haben Struktur statt Marmelade. Sie brauchen keine dicke Holznote um wichtig zu wirken. Viele Rotweine gären spontan und werden unfiltriert gefüllt. Fachleute vergleichen Schnaitmanns Lemberger gern mit sehr guten Blaufränkisch aus dem Burgenland. Ich finde diesen Vergleich passend. Die kühle Aromatik ist bei beiden das Markenzeichen.

Was mir persönlich gefällt ist die Preisstruktur. Ein Gutswein kostet hier nicht das Doppelte nur weil ein bekannter Name auf dem Etikett steht. Die Spitzenweine sind teuer. Die Basis bleibt bezahlbar. Genau in der Mitte sitzt unser heutiger Ortswein.

Region Lage und Terroir

Der Beutelsbach Lemberger 2022 ist ein VDP.Ortswein. Ortsweine sind laut VDP die Botschafter ihrer Gemeinde. Sie stammen aus traditionellen Weinbergen innerhalb einer Ortsgemarkung. Die Erträge sind beschränkt. Die Rebsorten sind regional.

Spannend wird es beim Blick auf die genaue Herkunft. Die Reben stehen in der klassifizierten VDP.Großen Lage Burghalde in Beutelsbach. Das Weingut sagt dazu offen warum der Wein trotzdem nur Ortswein heißt. Die Reben sind noch jung. Sobald sie älter sind und das volle Potenzial der Lage ausschöpfen soll daraus ein VDP.Großes Gewächs werden.

Für dich bedeutet das eine sehr angenehme Rechnung. Du bekommst hier Trauben aus einer Großen Lage zum Preis eines Ortsweins. Das ist ungefähr so als würdest du im Werksverkauf einkaufen. Der Boden besteht aus Sandsteinverwitterung und Buntem Mergel. Das Remstal ist ein enges Tal mit Südhängen und mit kühlen Nächten. Genau diese Kühle schmeckt man später im Glas. Der Lemberger wird hier nicht fett. Er wird straff.

Jahrgang 2022 und Ausbau

2022 war in Württemberg ein Jahr für starke Nerven. Von Ende Mai bis Mitte August fiel fast kein Regen. Die Beeren blieben klein. Trockenstress war überall ein Thema. Dann kam der Regen doch noch und er kam zum genau richtigen Zeitpunkt. Der Weinbauverband Württemberg sprach hinterher von einem Phänomen. Die Beeren konnten Wasser aufnehmen und die Reife lief sauber zu Ende. Am Ende waren die Winzer im Ländle zufrieden.

Für Rotwein war das eine gute Ausgangslage. Reife Trauben und gesundes Lesegut. Die Kunst bestand darin die Frische zu retten. Genau das ist hier gelungen. Die Säure liegt bei 6,0 Gramm pro Liter. Das ist für einen warmen Jahrgang ein sehr guter Wert.

Im Keller ging es traditionell zu. Der Wein wurde als Maischegärung mit 60 Prozent ganzen Trauben angesetzt. Die Gärung lief spontan. Danach lag der Wein 24 Monate in alten Fässern mit 300 Liter Inhalt. Alt ist hier das Schlüsselwort. Altes Holz gibt keine Vanille und keinen Kokos ab. Es gibt nur Luft und Zeit. Abgefüllt wurde unfiltriert.Zwei Jahre im Fass für einen Ortswein sind übrigens eine Ansage. Viele Betriebe geben ihren Basisrotweinen die Hälfte davon.

Technische Daten

Technische DatenWert
WeinartRotwein
WeingutRainer Schnaitmann Fellbach
HerkunftslandDeutschland
RegionWürttemberg / Remstal / Beutelsbach
LageVDP.Große Lage Burghalde
RebsorteLemberger 100 Prozent
QualitätVDP.Ortswein bio vegan unfiltriert
Geschmacktrocken
Jahrgang2022
BodenSandsteinverwitterung und Bunter Mergel
AusbauMaischegärung mit 60 Prozent ganzen Trauben / 24 Monate im alten Holzfass
Trinktemperatur16 bis 18 Grad
Alkoholgehalt13,0 Vol Prozent
Säure6,0 g/l
Restzucker2,8 g/l
Preis18,50 Euro pro 0,75 Liter ab Weingut

Sensorische Analyse

Farbe und Optik im Glas

Ich halte das Glas gegen das Fenster. Dunkles Kirschrot. Kein Schwarzrot und kein Rubin. Genau der Ton den ich beim Lemberger erwarte. Am Rand sitzt ein violetter Saum. Der verrät die Jugend. Dieser Wein hat noch nichts von seinem Farbstoff verloren. Ein unfiltrierter Wein darf außerdem leicht matt wirken. Er glänzt nicht wie poliert. Er sieht aus wie Wein und nicht wie ein Werbefoto. Ich schwenke das Glas. Die Kirchenfenster laufen langsam nach unten. 13 Prozent Alkohol sind heute fast schon zurückhaltend. Der Wein wirkt kompakt aber nicht schwer.

Aroma und Bouquet in der Nase

Nase ins Glas. Erster Eindruck ist feiner Rauch. Nicht Lagerfeuer und nicht Räucherkammer. Eher der Moment wenn ein Streichholz zwei Sekunden vorher ausgepustet wurde. Dahinter kommt dunkler Beerenkompott. Eingekochte Brombeere mit einem Rest Süße. Das riecht nach Sonntagnachmittag und nach einem Glas Marmelade das schon länger offen steht. Positiv gemeint.

Als dritte Ebene liegen Kräuter im Glas. Trockener Thymian und etwas Unterholz. Das ist der Teil der den Wein erwachsen macht. Ohne diese Kräuternote wäre er nur Frucht. Mit ihr wird er ein Charakter. Nach zwanzig Minuten im Glas wird der Rauch leiser und die Frucht lauter. Gib ihm diese Zeit. Er dankt es dir.

Geschmack und Textur am Gaumen

Erster Schluck. Und jetzt passiert etwas das ich bei einem 2022er Rotwein nicht selbstverständlich finde. Der Wein ist frisch. Da ist echte Spannung. Himbeere kommt zuerst. Dann Brombeere. Und dann die rote Johannisbeere die alles zusammenhält. Diese drei Früchte streiten nicht miteinander. Sie stehen nebeneinander wie ein gut eingespielter Chor. Die Frucht ist fein eingebunden. Nichts steht plump im Vordergrund.

Die Fruchtsäure ist leicht und sie trägt. Sie sticht nicht. Sie schiebt. Dadurch entsteht ein komplexes Fruchtspiel das sich beim zweiten und dritten Schluck immer wieder etwas anders zeigt. Genau deshalb wird die Flasche schneller leer als geplant. Die Tannine sind da. Sie sind fein und dichtmaschig. Man merkt die 60 Prozent ganzen Trauben. Das gibt Griff und ein leichtes Kratzen an den Zahnhälsen. Nichts davon stört. Und dann taucht mitten im Wein etwas völlig Unerwartetes auf. Schwarztee. Ganz filigran. Trocken und leicht herb. Es ist der Moment in dem der Wein aufhört ein Fruchtwein zu sein.

Der Abgang

Ich schlucke und warte. Der Abgang ist die beste Stelle dieses Weins.Zuerst bleiben Himbeere und Brombeere hängen. Sie halten sich erstaunlich lange. Dann übernimmt der Schwarztee die Bühne. Und zwar nicht als kräftiger Frühstückstee sondern als Darjeeling. Fein und blumig und mit dieser typischen trockenen Herbe im Rachen.

Feinherb ist hier das richtige Wort. Der Wein hört nicht mit einem Knall auf. Er verabschiedet sich langsam und höflich. Ich habe zwischendurch mitgezählt. Nach fast einer Minute war immer noch Tee da. Das ist der Punkt an dem ich mir Notizen mache statt weiterzutrinken. Und dann geniesse ich doch noch ein weiteres Glas.

Sommelier Tipps

Das Weingut empfiehlt 16 bis 18 Grad. Ich bleibe lieber am unteren Ende. Bei 16 Grad wirkt die Frische am besten. Bei 18 Grad wird der Alkohol spürbarer und die Kräuternote verschwindet.

Dekantieren musst du nicht. Karaffieren lohnt sich trotzdem. Der Wein ist unfiltriert und er braucht Sauerstoff. Eine Stunde in der Karaffe tut ihm sehr gut. Wenn du keine Karaffe hast dann öffne die Flasche einfach eine Stunde vorher und schwenke fleißig im Glas. Beim Glas nimmst du ein großes Bordeauxglas.

Zum Lagerpotenzial. Der Wein ist jetzt sehr gut trinkbar. Die Tannine sind fein und die Frucht ist offen. In den nächsten zwei bis drei Jahren wird die Teenote etwas zurückgehen und die Frucht wird stärker. Das mag ich persönlich sogar noch lieber. Ich würde ein paar Flaschen bis 2029 liegen lassen. Nach 2032 würde ich nicht mehr warten. Wichtig ist ein kühler Lagerplatz mit möglichst wenig Temperaturschwankung.

Food Pairing

Das Weingut empfiehlt Eintöpfe und kurzgebratenes Fleisch und Braten und Innereien und gebratenes Gemüse. Das ist eine gute Liste. Ich mache sie mal konkreter.

Rostbraten mit Zwiebeln. Der Klassiker im Ländle und hier fast Pflicht. Die Röstaromen greifen die feine Rauchnote auf. Die Säure schneidet durch die Zwiebelbutter.

Geschmorte Rinderbäckchen. Die weiche Textur vom Schmorfleisch braucht das feine Tannin als Gegenpol. Der lange Abgang begleitet die Sauce bis zum Schluss.

Gebratene Pilze mit Thymian. Für alle ohne Fleisch. Pilze und Unterholz sind eine perfekte Paarung. Der Thymian im Wein und der Thymian in der Pfanne geben sich die Hand.

Ein gereifter Bergkäse. Etwa achtzehn Monate alt. Die Salzkristalle machen die Frucht im Wein noch süßer. Ein junger Weichkäse wäre hier verloren.

Fazit und Bewertung

Der Beutelsbach Lemberger 2022 vom Weingut Schnaitmann ist ein Wein mit zwei Gesichtern. Vorne ist er saftig und fruchtig und macht sofort Spaß. Hinten wird er ernst und trocken und filigran. Diese Spannung zwischen Beerenkompott und Darjeeling macht den Reiz aus. Aus einem heißen Jahrgang so viel Frische zu holen ist echte Handwerkskunst.

Mein Urteil

Trinkfenster: 2026 bis 2032

Sehr gut. Solide Qualität mit echter Freude im Glas. Die Struktur stimmt in allen Punkten. Feine Säure und dichte seidige Tannine und ein sehr langer feinherber Abgang. Für 18,50 Euro je 0,75 Liter ist das ein sehr guter Lemberger zu einem fairen Preis und eine klare Kaufempfehlung.

Zur Einordnung. Wein.plus hat den Wein im Oktober 2025 mit 86 Punkten bewertet und damit als sehr gut eingestuft. Ich würde den Wein auf Grund seines Reifepotential durchaus höher bewerten. Das Preis Leistung Verhältnis ist stark. Du zahlst einen Ortsweinpreis und bekommst Trauben aus einer Großen Lage und 24 Monate Fassausbau. Bei mir wandern davon ein paar Flaschen in den Keller. Und was den kleinen Schmidener Bub angeht. Die Fellbacher sind für mich immer noch die Weinbauern. Reich sind vermutlich die wenigsten. Aber wenn man solche Flaschen füllen kann dann ist das eine andere Art von Reichtum. Prost.

Weiterführende Links

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